Die Dekarbonisierung des Gebäudesektors gehört zu den zentralen Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität. Mit dem neuen Deliverable „AT Guidelines on practical implementation of Whole Life Carbon (WLC) measurement and disclosure“ liefert das INDICATE LIFE Projekt nun konkrete Handlungsempfehlungen für die Umsetzung der zukünftigen Anforderungen der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) in Österreich.
Whole Life Carbon als neuer Standard für klimafreundliches Bauen
Während sich die Regulierung bisher vor allem auf den Energieverbrauch im Betrieb von Gebäuden konzentrierte, rückt nun der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes in den Fokus. Die überarbeitete EPBD verpflichtet die Mitgliedstaaten dazu, die Treibhausgasemissionen von Gebäuden über ihren gesamten Lebenszyklus zu erfassen und schrittweise zu begrenzen. Bereits ab 2028 wird die Offenlegung von Whole Life Carbon für große Neubauten verpflichtend, ab 2030 für alle Neubauten.
Whole Life Carbon umfasst dabei sowohl die Emissionen aus der Herstellung von Baustoffen, der Errichtung und dem Rückbau eines Gebäudes als auch die Emissionen aus dem Betrieb während der Nutzungsphase.
Österreichische Datengrundlage für die WLC-Einführung
Im Rahmen von INDICATE LIFE wurden 67 österreichische Gebäude analysiert und nach einer harmonisierten Methodik bewertet. Diese umfangreiche Datengrundlage ermöglicht erstmals die Entwicklung belastbarer österreichischer Benchmarks und bildet die Basis für zukünftige Grenzwerte.
Die Auswertungen zeigen deutlich, dass nicht nur die Betriebsenergie (Modul B6), sondern insbesondere die sogenannten „Upfront Carbon Emissions“ aus der Herstellung der Baumaterialien (Module A1-A3) einen erheblichen Anteil an den Gesamtemissionen eines Gebäudes verursachen. Gerade diese Emissionen bieten großes Potenzial für kurzfristige CO₂-Reduktionen.
Harmonisierte Methodik als Schlüssel zum Erfolg
Ein zentrales Ergebnis des Berichts ist die Notwendigkeit eines österreichweit harmonisierten WLC-Rahmens. Die Empfehlungen orientieren sich an den europäischen Standards EN 15978 und Level(s) und sollen künftig über die OIB-Richtlinien, insbesondere die geplante OIB-Richtlinie 7, umgesetzt werden.
Zu den vorgeschlagenen Eckpunkten gehören:
- Einheitliche Systemgrenzen für alle WLC-Berechnungen
- Ein standardisierter Betrachtungszeitraum von 50 Jahren
- Mindestanforderungen an die Detaillierung der Gebäudedaten
- Klare Vorgaben für die Verwendung von EPDs und generischen Datensätzen
- Standardisierte Berichts- und Dokumentationsformate
Dadurch sollen Vergleichbarkeit, Transparenz und die spätere Einführung von Grenzwerten gewährleistet werden.
Integration in bestehende Prozesse
Um den administrativen Aufwand möglichst gering zu halten, empfiehlt das Projektteam die Integration der WLC-Berichterstattung in bestehende Instrumente wie den Energieausweis. Zusätzlich sollen digitale Schnittstellen zwischen BIM-Modellen, LCA-Tools und Energieausweissystemen geschaffen werden, um Datenaustausch und Berechnungen zu vereinfachen.
Fahrplan bis 2030 und darüber hinaus
Der Bericht schlägt einen schrittweisen Umsetzungsplan für Österreich vor:
- Einführung verpflichtender WLC-Berechnungen und Benchmarking-Systeme.
- Aufbau nationaler Datenbanken und standardisierter Werkzeuge.
- Einführung verbindlicher Grenzwerte für Neubauten ab 2030.
- Schrittweise Verschärfung der Anforderungen bis zur Erreichung der Klimaneutralität.
Die Grenzwerte sollen nach Gebäudetyp differenziert werden und regelmäßig anhand neuer Marktdaten aktualisiert werden.
Gemeinsame Aufgabe für die gesamte Branche
Die erfolgreiche Einführung von Whole Life Carbon erfordert nicht nur regulatorische Vorgaben, sondern auch die aktive Mitwirkung der gesamten Wertschöpfungskette. Der Bericht betont die Bedeutung von Weiterbildung, Datenqualität, digitalen Werkzeugen und einem kontinuierlichen Dialog zwischen Politik, Planenden, Bauwirtschaft, Herstellern und Investoren.
Mit den vorliegenden Leitlinien zeigt INDICATE LIFE, dass Österreich bereits über eine solide Grundlage verfügt, um die neuen europäischen Anforderungen erfolgreich umzusetzen. Die Ergebnisse des Projekts liefern eine wichtige Orientierung für Politik, Behörden und Marktakteure und bilden einen entscheidenden Baustein für die klimafreundliche Transformation des österreichischen Gebäudesektors.
