In einem Sub-Report für das INDICATE Life Projekt haben wir uns mit einer Kosten-Nutzen Analyse beschäftigt, um Einblicke in die Hintergründe für ein WLC Assessment zu erhalten. Es wurden Fragebögen an ausgewählte Teilnehmer:innen der Case Studies übermittelt, um mehr über ihre Beweggründe zu erfahren.
Was ist WLC und warum ist es wichtig?
Whole Life Carbon (WLC)-Assessments erfassen die gesamten Treibhausgasemissionen eines Gebäudes – von der Herstellung der Materialien über den Bau bis hin zur Nutzung und Entsorgung. Sie gelten als Schlüsselwerkzeug für die Dekarbonisierung des Bausektors.
Die Ergebnisse im Überblick
Das österreichische Team hat qualitative Umfragen bei Stakeholdern durchgeführt. Die wichtigsten Erkenntnisse:
Vorteile von WLC-Assessments
- Fundierte Entscheidungsfindung
Durch die Identifikation zentraler Hebel zur Emissionsreduktion und das Verständnis ihrer Auswirkungen können Entscheidungen – von der Stadtplanung über die Gebäudetypologie bis hin zur Materialwahl und Detailgestaltung – gezielt getroffen werden. - Optimierung in frühen Planungsphasen
Da ein Großteil der gebundenen Emissionen in der Tragstruktur liegt, ermöglichen WLC-Berechnungen bereits in frühen Entwurfsphasen ein Umdenken bei grundlegenden Planungsentscheidungen. - Messbare Umweltwirkungen
Nachhaltigkeit wird durch WLC genauso greifbar wie Kosten – in konkreten Zahlen ausgedrückt. Dies steigert den Nutzwert eines Gebäudes und wird auch von Zertifizierungssystemen wie der DGNB positiv bewertet. - Governance-Tool: WLC hilft, Klimaziele zu steuern und Benchmarks zu setzen.
- Bewusstseinsbildung: Die Ergebnisse machen komplexe Zusammenhänge verständlich – auch für Nicht-Expert:innen.
Herausforderungen
- Datenverfügbarkeit
Ein zentrales Hindernis ist der Mangel an geeigneten Daten. Gründe hierfür sind:- inkompatible Datenbanken mit unterschiedlichen Standards,
- fehlende Datensätze zu Kosten und Umweltwirkungen, insbesondere bei innovativen oder nachwachsenden Baustoffen wie z. B. Einblasstroh,
- veraltete Umweltdaten in Lebenszyklusanalysen, die zukünftige Dekarbonisierungsszenarien nicht berücksichtigen.
- Uneinheitliche Methoden und Systemgrenzen führen zu Inkonsistenzen.
- Hoher Dokumentationsaufwand und fehlende BIM-Modelle behindern die Integration in Planungsprozesse.
- Kommunikationsbedarf zwischen Projektbeteiligten ist hoch, um gemeinsame Nachhaltigkeitsziele zu definieren.
Politische Implikationen
In den Umfragen wurde der Mangel an harmonisierten und aktuellen Daten als zentrales Hindernis für WLC-Bewertungen genannt. Inkompatible Datenbanken und uneinheitliche Systemgrenzen erschweren die Vergleichbarkeit und Zuverlässigkeit der Ergebnisse. Daher sollten zukünftige Bemühungen sich auf folgende Punkte konzentrieren:
- Entwicklung harmonisierter Datenbanken mit regelmäßigen Updates, die Dekarbonisierungsszenarien und neue Materialien berücksichtigen.
- Integration dieser Standards in nationale Zertifizierungssysteme und Bauvorschriften.
- Förderung BIM-basierter Planung zur Überwindung aktueller Datenlücken und zur Verbesserung der Vergleichbarkeit zwischen Projekten.
Notwendigkeit klarer regulatorischer Rahmenbedingungen
EU-Richtlinien wie die EPBD 2024 bieten eine solide rechtliche Grundlage. Dennoch stehen österreichische Akteur:innen vor Herausforderungen durch fragmentierte Landesbauordnungen. Es ist daher wichtig:
- WLC-Anforderungen in den OIB-Richtlinien zu verankern (insbesondere Richtlinie 6 und die kommende Richtlinie 7).
- Eine einheitliche Umsetzung der EU-Vorgaben in allen neun Bundesländern sicherzustellen.
Zertifizierung und Anreize
Zertifizierungssysteme wie die DGNB spielen eine zentrale Rolle bei der Etablierung von WLC-Bewertungen. Um diese jedoch flächendeckend als Standard für öffentliche und private Bauvorhaben zu etablieren, braucht es zusätzliche politische Unterstützung.
